Anno 883
Geschrieben von Evelyn Maurer   
Mittwoch, 20. September 2006

 

Dichter Nebel lag über der Hafenbucht von Duisburg. In der Morgendämmerung tauchten hochgezogene Kiele zwischen weißen Schwaden auf. Flache, schmale Holzboote ruderten zum Ufer. Ihre Segel waren gerafft. Männer mit Äxten und Schwertern stapften durch das seichte Wasser an Land. Ein stattlicher Mann im Fellumhang grölte lautstark Worte in fremder Sprache. Hühnenhafte Kerle schleppten Stoffballen und Kisten, Fässer und Truhen an den Strand. Dort errichteten sie Zelte. Ein kleiner Bärtiger entzündete Feuer und hängte einen Kochtopf darüber. Weiber hatten sie nicht dabei.

An eine Rückkehr in die nordische Heimat noch vor dem Winter war wegen der schweren Stürme im Spätherbst nicht zu denken. So richteten sie hier ihr Winterlager ein, am gerade eingenommenen Handelsplatz zwischen Rhein und Hellweg. Der alte Handelsweg, der von Osten nach Westen führt, er würde ihnen bequem die eine oder andere Kostbarkeit bringen. Die Händler hier waren lächerlich bewaffnet und oft von hagerer Statur. Diese Gestalten hatten ihnen nichts entgegen zu setzen.

Dem Jüngling im Dickicht des anderen Ufers schauderte. Der Bote, welcher das Geschehen aus der Ferne verfolgt hatte, eilte zu seinem Herrn. Ein strenger Herbstwind  fegte über das Land. Man schrieb das Jahr 883.  Die Nachricht breitete sich aus wie ein Lauffeuer: „Normannen belagern Duisburg!“, „Wikinger rudern die Ruhr aufwärts!“, „Plündernde Horden vor Kloster Werden!“

Die Angst vor den Normannen ging um. Unberechenbare, kampfesstarke Mannen.  Dani, Nordmänner oder Wikinger genannt. Immer wieder hörte man schreckliche Berichte. Ganze Höfe wurden ausgeraubt und mit Kindern und Frauen verbrannt. Klöster wurden rücksichtslos geplündert. Es hieß sogar, die ungepflegten Männer zögen gerne, ja wie im Rausche, in den Kampf. Töten bereite ihnen Vergnügen, erzählte man sich. Nichts und niemand schien sie aufhalten zu können.

Herzog Heinrich von Ostfranken war auf dem Reichstag 882 zu Worms mit der Reichsverteidigung gegen die Normannen betraut worden. Als er die Nachricht  von den Wikingern in Duisburg erhielt, war er zu tiefst schockiert. Meldungen von Überfällen gingen ihm durch den Kopf. Dorestad, der niederländische Handelsplatz wurde zwischen 834 und 863 sieben Mal von den  Normannen heimgesucht. Ihre Schiffe kreuzten auf Seine und Loire, 845 fielen sie in Paris ein. Im selben Jahr wurde Hamburg in Brand gesteckt.  853 plünderten Nordmänner Tours, 865 Orléans. 881 erreichten sie Aachen. Jetzt lagen ihre Boote am Rheinufer, nahe der Ruhreinmündung. Ihm schwindelte, er musste dringend handeln. 

Das Reich war zu weitläufig und der Zeitaufwand zu groß, ein Heer aus den Bauern zusammen zu stellen. Deshalb waren die Franken machtlos gegenüber den sehr schnellen und wendigen Wikingerschiffen. Die Überfälle geschahen immer plötzlich und unvorhersehbar. Aus dem Nichts tauchten sie auf und landeten lautlos an. Niemand merkte etwas, bis das wehrlose Dorf umzingelt war. Jede Flucht war unmöglich. Sie plünderten, mordeten und nahmen Sklaven. Genauso schnell wie sie gekommen waren,  verschwanden sie wieder im Nichts. Was wenn sie die Ruhr hinaufrudern würden? Im Geiste sah der Herzog schon die raubende Schar  vor dem Kloster Werden. 90 Jahre zuvor hatten Dani das Kloster Lindisfarne vor der Nordostküste Englands überfallen. Mit Äxten und Schwertern bewaffnete Männer stürmten im Morgengrauen die heiligen Mauern. Sie nahmen alles was wertvoll und essbar war. Und sie töteten jeden, der ihnen in den Weg kam. Friedliche Mönche wurden abgeschlachtet, schlimmer als Vieh. Mittags verließ die mordende Schar die Insel. Die Boote voll geladen mit Beute, gruben die Kiele tief in die Fluten und verschwanden. Still und rußgeschwärzt stand die  Klosterruine da, ringsum Verwüstung und Tod.

Unter seiner Herrschaft würde es das nicht geben! Heinrich von Ostfranken ließ sich die Landkarte des Reiches bringen und rief seine Ratgeber zu sich. Man entschied eine Festung zu errichten. Südlich der Furt des Hellweges durch die dort seichte Ruhr. Hoch über dem Fluss sollte ein  kleines Heer dauerhaft für Abschreckung sorgen. Sowohl der Flusslauf, als auch der Handelsweg wären damit gut bewacht. Kämen die furchtverbreitenden hochkieligen Schiffe die Ruhr hinauf, so würde man sie zumindest rechtzeitig sehen. Mönche und Landbevölkerung könnten gewarnt und in Sicherheit gebracht werden.

Im Winter 883/884 begann man aus Ruhrsandstein und Lehm die Festung zu errichten. Eine massive Mauer umrundete ein mehrräumiges Gebäude mit drei großen Sälen. Diese waren für die Unterbringung einer großen Anzahl von Menschen vorgesehen. Flüchtige aus den Ländereien umher, die Schutz suchten. Es fehlten jedoch Wirtschaftsgebäude, wie man es von anderen bewohnten Burgen kannte. Es gab keine Küche, keinen Speicher und keinen Brunnen. Ein Berater des Herzogs bemängelte dies und erzählte mahnend von der Burg an der Oise. Die Normannen konnten diese einnehmen, weil sie die Bewacher daran hinderten, Wasser aus dem Fluss zu holen. Herzog Heinrich von Ostfranken genügte jedoch die Präsenz eines Heeres. Gut sichtbar in einer mächtigen Festung über dem Fluss.

Jenes Heer hat nie die hohen Kiele der Wikingerschiffe im Nebel auftauchen sehen. Nie hat ein Normanne seinen Fuß in steinerne Burg hoch über der Ruhr gesetzt. Nie wurde das Kloster Werden von Wikingern geplündert. Durch geschickte Politik endete 911 die Bedrohung durch die Normannen im Frankenreich.

Die Festung ist geblieben. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut. Sogar Königin Luise von Preußen war hier zu Gast. Noch heute steht die massive Mauer auf einer Anhöhe über der Ruhr. Aus dem einstigen Heereslager ist Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr geworden. Der Hellweg lebt als Ruhrschnellweg weiter und ein Teil von ihm ist heute als "A40" ausgeschildert.