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Hauke's Fahrt Drucken E-Mail
Geschrieben von Evelyn Maurer   
Donnerstag, 22. November 2007

Hauke Hinnerksson sah besorgt aus dem Fenster. Es regnete in Strömen. Seine Frau redete auf ihn ein, nicht zu gehen und auf das Meer hinauszufahren. Aber Hauke zögerte nicht. Auch bei schlechtem Wetter mußten die Netze eingeholt werden. Sein Vater war Fischer gewesen, sein Großvater und der Urgroßvater auch. Die Fische ernährten seit Generationen seine Familie. Doch die Zeiten waren schlechter geworden. Man verdiente nicht mehr viel am Fischfang. Und die Erträge gingen auch zurück. Finanziell ging es den Hinnerkssons nicht gut. Wenn er noch einen weiteren Tag die Netze nicht einholen würde, so würde sich die Familie bald nur von trocken Brot ernähren müssen. Alles Jammern half nichts, Hauke mußte rausfahren.

Der Regen hatte nachgelassen, als er vor die Türe trat. Es nieselte. In seinen Gummistiefeln und der schweren Jacke machte er sich auf den Weg zu Kai. Es waren nur ein paar hundert Meter zur Bucht. Hauke lebte mit seiner Familie in einem 100 Seelen Dorf an der Küste. Ein hölzerner Steg diente als Anlegeplatz für die wenigen Schiffe. Eigentlich war er der einzige noch aktive Fischer. Malte fuhr nur noch zum Spaß raus mit seinen 70 Jahren, sein Sohn arbeitet bei einer großen Fangflotte in der Küstenstadt. Karl war kränklich und schwach geworden, sein Kutter rottete am Kai vor sich hin. Auch er hatte das Greisenalter bereits erreicht.

Hauke stieg auf seinen Kahn und warf den Motor an. Doch der rührte sich nicht. Keinen Mucks. Hauke fluchte. Er versuchte es immer und immer wieder. Aber es tat sich nichts. Hilfesuchend blickte er sich um. Aber da gab es keine Hilfe. Nur Karls rostendes Schiff dümpelte am Steg gegenüber. Maltes Schiff war in der Werft. Da sah er das alte Ruderboot von seinem Vater, das Kiel oben auf der Wiese lag. Kurzentschlossen stiefelte er zum Boot und drehte es um. Daß es dicht war, das wußte er. Die Jungs aus dem Ort waren damit in den Ferien rausgerudert. Erst wenige Wochen her, da schien hier noch die Sonne bei 30°C.

Hauke holte die leeren Kisten für den Fisch von seinem Kutter und ging zurück zum Haus, um den kleinen Außenbootmotor zu holen. Am Fenster hinter der Gardine sah er seine Frau stehen, mit sehr ängstlichem Gesichtsausdruck. Sie ängstigte sich immer, wenn er zur See hinausfuhr. Seit Onkel Klaus's Tod, war sie nicht mehr die selbe. Er war bei Sturm auf See ertrunken. Besser, er sagte ihr nicht, daß der Kutter kaputt war. Mit schnellen Schritten ging er zum alten Boot zurück und befestigte den Außenborder.

Wikinger_boot_haukes_fahrt

Hauke schob das Holzboot ins Wasser. Mit kräftigen Ruderzügen gewann er an Fahrt. Der Nieselregen hatte aufgehört. Still und schweigsam war das Meer. Keine Möwe schrie. Es herrschte Ruhe. Nur seine Paddelschläge teilten die Stille. Sobald er die kleine Hafenbucht verlassen hatte, startete er den kleinen Dieselmotor und knatterte auf das Meer hinaus.
An der Stelle angekommen, an der er vorgestern die Netze ausgelegt hatte, begann er unverzüglich mit der Arbeit. Der Himmel im Nordosten verdunkelte sich schon wieder. Wind kam auf. Stück um Stück zog er das Netz ins Boot und puhlte die Fische aus den Maschen. Die erste Kiste füllte sich mit abgeschlagenen, noch zappelnden Fischen. Der Himmel wurde immer dunkler. Noch ein paar Meter, dann hatte er das erste Netz eingeholt. Der Wind wurde stärker.

Schnell fuhr er zur zweiten Stelle und zog hektisch das Netz ins Boot. Der Wind wurde immer heftiger und Hauke hatte Mühe die Balance zu halten. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte des Netzes eingeholt, da passierte es. Eine starke Windbö erfaßte das Boot, er verlor das Gleichgewicht und taumelte. Er konnte sich nicht rechtzeitig festhalten und prallte mit dem Kopf gegen die Schiffskannte. Ohnmächtig blieb er liegen, das Netz noch in den Händen.

Hauke wachte auf. Von fern hörte er ein Geräusch. Ganz dumpf. Um ihn herum war alles weiß. Langsam begriff er, es war Nebel. Er konnte den Bug seines eigenen Bootes nicht mehr sehen. Hauke richtete sich auf. Er versicherte sich, daß ihm nichts weh tat außer dem Kopf. Eine blutverkrustete Beule tastete er unter dem Haarschopf. Ansonsten war er unversehrt. Aber diese weiße Wand, dieser Nebel. Er konnte nichts sehen. Nur seine eigenen Schiffsplanken. Die Ruder waren noch da, kein Wasser im Schiff. Aber der Außenborder war nicht an seinem Platz. Keine Spur von ihm. Offensichtlich hatte die Klemmbefestigung dem starken Wellengang nicht stand gehalten. Hauke atmete tief durch und beschloß zunächst weiter das Netz einzuholen. Rudern konnte er ja jetzt ohne Sicht eh nicht.

Da war wieder dieses Geräusch. Ein langes Tuuuuuut. Aber nicht von einem der modernen Schiffe. Es klang wie ein altes Horn. Hauke bemühte sich um so schneller das Netz zu leeren. Im Nebel war er nicht sichtbar für andere Schiffe. Da hätte auch die Laterne nicht geholfen, die er obendrein vergessen hatte.

Plötzlich war das Horn ganz nah, wenige hundert Meter voraus. Hauke erschrak. Man konnte ihn nicht sehen! Lautstark rief er „Haaaalt, Stooopp.“ Das Horn wurde nun mehrmals kurz geblasen. Und es kam immer näher. Ein Drachenkopf erschien im dichten Nebel. Dann tauchte der Kiel eines Schiffes auf. Ein hölzernes Boot. Und jetzt hörte er auch Ruderschläge. Man rief ihm etwas zu, aber er verstand es nicht. Das Schiff stoppte und eine rauhe Männerstimme brüllte ihm etwas zu. Hilflos kniete Hauke in seinem Boot, um nicht durch die Wellen des anderen Schiffes wieder im Stehen zu stürzen. Hinter hohen Schiffsplanken aus Holz stand eine mächtige Gestalt. Eine Ledermütze auf dem langem rötlichen Haar, ein buschiger Vollbart und breite Schultern mit Fell bekleidet. Nackte Arme, verziert mit Lederschmuck.
„Wer bist Du?“ fragte der Stämmige.
„Ich bin Hauke Hinnerksson!“
„Du scheinst in Not geraten! Sei willkommen auf meinem Schiff! Ich bin Erik der Glückliche. Manche nennen mich auch Erik der Rote.“
Hauke zögerte nicht, nahm die Hand des Fremden und seiner Helfer an und stieg in das große Schiff. Sein kleines Boot vertäuten sie am Heck und zogen es hinter sich her.

Hauke stand fassungslos da. Eben noch hatte er die Vorstellung „Ich bin Erik der Rote“ für einen Witz gehalten, jetzt sah er sich einer Schar Männer gegenüber, die ähnlich gekleidet waren. Und langsam realisierte er, daß er sich tatsächlich auf einem Wikinger-Langschiff befand. Ein Mann mit einer Streitaxt im Gürtel hängend, gab ihm einen Becher mit Wasser. Ein Holzbecher. Handgeschnitzt. Erik hielt einen gleichen Becher hoch und hieß ihn als seinen Gast willkommen. Hauke trank einen Schluck. Gut gekühltes reines Wasser. Träumte er? Man bot ihm Essen an, wies ihm einen Sitzplatz zu und gab ihm ein Fell. Es regnete längst nicht mehr, aber Hauke war durch und durch naß. Ein kleiner blonder Mann mit dicken Zöpfen rechts und links des sonnengegerbten Gesichts reichte ihm trockene Kleidung. Träumte er? Eine wollene Hose, ein Hemd aus Leinen und ein dicker Wollumhang mit Fellbesatz. Hauke kniff sich und es tat weh. Also lebte er noch. Er zog die warmen Sachen an und legte seine zum Trocknen beiseite. Er aß was man ihm gab und schlief danach ein.

Geweckt wurde er von den Freudenschreien der Männer. Und wieder erklang ein Hornsignal. Ein wesentlich höherer Ton kam von weit her und das ihm vertraute dumpfe Horn antwortete vom Bug des Schiffes. Hauke sah sich um und setzte sich auf. Im gleißenden Sonnenschein sah er das andere Schiff. So viel Glanz, so viel Pracht. Ein goldener Kranich reckte sich weit in den Himmel am Bug des Schiffes. An den Flanken waren die runden Schilde der Ruderer angebracht, alle waren mit goldenem Federmuster verziert. Alles funkelte im Sonnenschein an diesem Schiff. Ein weißes Segel blendete die Betrachter. Fasziniert und mit leuchtenden Augen verfolgte die gesamte Besatzung das fremde Schiff. Hauke war klar, daß den anderen Männern so etwas auch noch nicht begegnet war.

Und dann erschien am Bug eine Frau, die an Schönheit ihresgleichen vergeblich suchte. Feuerrotes wallendes Haar, mit funkelnden Goldperlen durchzogen, ihr Hals und ihre Arme waren mit Goldschmuck behängt. Sie trug ein Kleid aus grüner Seide, sie schillerte im Sonnenlicht. Hinter sich hörte Hauke die Männer reden. Es seie Königin Åsa. Eine Frau, von der man erzählt, sie habe den Mann heiraten müssen, der ihren Vater tötete. Der stolze Blick dieser anmutigen Frau ließ nichts von ihrem Schicksal erahnen. Erik begrüßte sie standesgemäß und verbeugte sich vor ihr, als das Schiff nah genug herankam. Åsa winkte ihm zu und lächelte. Eine starke Frau. „Sie hat ihm einen Sohn geboren. Und sie hat gewartet. Dann gelang es ihr ihren Gatten zu töten und seine Gefolgschaft von sich zu überzeugen. Nun regiert sie das Reich von Norwegen.“ Sprach ein Mann hinter seinem Ohr. Hauke staunte. Er sah diese Frau, wie sich das Sonnenlicht in all ihrem Glanz brach. Und sie winkte der Besatzung zu. Für einen Moment sah sie auch ihm in die Augen. Königin Åsa, er würde sie niemals vergessen. Egal ob er das hier nur träumte oder ob es Realität war.

Die Aufgregung war längst vorbei, als ein weiteres Schiff zu ihnen stieß. Das Schiff von Leif Eriksson, dem Sohn Erik des Roten. Vater und Sohn umarmten sich herzlich, als Leif an Bord kam. Hauke saß auf seinem Platz und dachte nach, was er über die Männer wußte. Erik war mit seinem Vater zusammen aus Norwegen verbannt worden, in Island begannen sie von neuem und der Vater starb schließlich. Erik heiratete und wegen einer Straftat wurde er wieder für 3 Jahre aus Island verbannt. In diesen Jahren entdeckte er das heutige Grönland und siedelte später dort. Er wurde zu Erik dem Glücklichen, auf Brattahlid, seinem Hof. Sein ältester Sohn Leif wuchs heran und ging mit Freunden auf große Fahrt Richtung Westen. Dort hatte man Land gesichtet, hatten sich die Leute erzählt. Und Leif fand Land. Im heutigen L'Anse aux Meadows hatte man steinernde Häuser seiner Mannschaft gefunden. Vinland – das heutige Amerika. Heute? Wann ist Heute? Wann war gestern? Hauke wurde aus den Gedanken gerissen, als Leif und Erik neben ihm stehen blieben und Leif von Vinland erzählte. „Gras für das Vieh, soweit das Auge reicht! Wir haben wilde Beeren gefunden, Beeren, die gären und einen berauschenden Saft abgeben, Saft, wie wir ihn vom Markt kennen. Aus fernen Ländern, wo immer die Sonne scheinen soll. Das Land...“ Hauke lauschte still. Er konnte nicht fassen, was mit ihm geschah. Aber es fühlte sich gut an. Dann wurde das Segel gehißt.

Am frühen Nachmittag fuhr das Langschiff in einen Hafen ein. Pfähle bildeten eine lange Hafenmauer, hinter der das Schiff geschützt ankern konnte. Weitere Schiffe lagen schon vor Anker. Zelte und im Winde wehende Baldachine oberhalb der Hafenanlage kündeten von einem Markt. Alle Männer verließen das Schiff, nur der kleine Blonde und ein junger Hagerer blieben zurück um Wache zu halten. Hauke folgte neugierig dem Troß. Vom Hügel her erklang Musik. Gesang in einer ihm fremden Sprache, Töne von Leier und 6-Lochflöte, dazu Trommelschläge.
Am ersten Stand gab es Met und über dem Feuer wurde ein Fleischspieß gedreht. Die meisten Männer der Schiffsbesatzung stürzten sich übermütig auf den Kessel mit Met. Auch Hauke ließ sich einen Becher geben und prostete den anderen zu. Portionen mit Fleisch und Sauerkraut wurden gereicht. Auf der Wiese setzte sich die Gruppe nieder. Manche schlangen ihr Fleisch und schoben mit den Fingern noch nach, als hätten sie seit Wochen nichts mehr zu Essen bekommen. Eßmanieren beherrschten die Mannen zwar nicht, aber sie waren außerordentlich freundlich, lustig und hilfsbereit. Sie scherzten während der Mahlzeit, lachten und ließen Met nachgießen.

Nach einiger Zeit trieb Hauke die Neugier. Er stand auf und schlenderte mit seinem Becher Met ins Getümmel. Erik der Rote hatte ihm für seine Fische ein paar Stück Silber gegeben, so daß er sich hier durchaus noch einige weitere Becher Met kaufen konnte. An einem Stand waren viele Felle über Holzbalken gelegt. Hauke bestaunte das zottige Bärenfell, die warmen Rentierfelle und es gab auch Felle von Seerobben. Hoch aus dem Norden kam der Händler. Ein stämmiger großer Mann, der von zwei Hunden flankiert wurde. Sie lagen friedlich da. Auf dem Tisch standen große Spindeln mit Seil. Seile aus Walroßhaut. Ein junger Mann stand neben einem kleinen älteren Herrn und handelte. Sein Interesse galt dem dicksten Seil für das Segel des Schiffes seines Vaters. Der kleine Mann sprach nichts. Er sah Hauke mit durchbohrendem Blick an. Hauke lächelte und der alte Mann verzog seinen Mund ebenfalls zu einem Lächeln. Dabei blitze ein dunkler Zahn, der einzige Schneidezahn, hervor. „Fremder, ich bin Harald Blauzahn. Das ist mein prächtiger Sohn Sven Gabelbart. Wer bist du?“ Hauke antwortet und wunderte sich. Schrieb man in den Geschichtsbüchern nicht, daß Sven Gabelbart gegen seinen Vater rebellierte und dessen Regierungszeit mit dem Krieg gegen seinen Sohn endete? Jetzt standen sie hier in trauter Einigkeit, als hätte es nie eine Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben. Sven erzählte seinem Vater stolz von der Eroberung Englands und daß er das Land seinem Vater gerne zeigen wolle. Man wurde sich über den Preis für das Seil einig und sie gingen weiter.

Am nächsten Stand wurden Glaswaren aus dem Rheinland verkauft. Drei junge Mädchen nahmen ein Stück nach dem anderen in die Hände und amüsierten sich über die Worte des Händlers. Der Charmeur versuchte die Mädchen im heiratsfähigen Alter zu beeindrucken. Wunderschöne Trinkgläser und Schalen bot er dar. Doch letzten Endes zogen die Mädchen von Dannen, in ihre einfachen Häuser würde ein solcher Prunk nur schnell zerbrechen, sagten sie. Eine hochgewachsene Frau mit zwei weniger schmuckvoll gekleideten Frauen erschien am Stand. Sie stellte sich vor als Thyras, Gemahlin des Gorm und Mutter von Harald Blauzahn, Großmutter von Sven Gabelbart aus dem dänischen Reich. Sie war kaufwillig und der Händler ganz in seinem Element. Hauke wunderte sich über die junge Großmutter und zog weiter.
Die jungen Mädchen sah er wieder vor einem Zelt gegenüber. Glasperlen und Silberschmuck von der englischen Insel lagen auf einer Lederdecke ausgebreitet. Eine Frau mit sorgsam geflochtenem grauen Haar saß im Schneidersitz und hatte wenig Mühe die Mädchen zum Kaufen zu überreden. Die eine hielt lange Ohrringe an, die zusammen mit ihren langen hell blonden Haaren ihr schmales Gesicht betonten. Eine andere probierte eine Kette aus roten Glasperlen an. Die dritte war einer filligranen Goldbrosche sehr angetan. Ein Geschenk für ihre Mutter. Für sich selber liebäugelte sie mit metallernen Armreifen. Jede von ihnen fand begeistert ein Schmuckstück für sich und viele Silberstücke wechselten die Besitzerin.

Auf einem Stein saß ein eigenartiger Mann. Sein Kopf war komplett in ein Tuch gehüllt. Überhaupt wirkte sein Gewand sehr abendländisch. Er zog die Blicke vieler auf sich. Und ein Mann sagte „Sieh da. Das ist Ibn Fadlan. Er kommt aus dem fernen Bagdad. Er wäscht sich mehrmals am Tag und schreibt und schreibt.“ Der Mann machte sich lustig über den jungen Araber. Waschen gehörte bei den Nordmännern wohl nicht zum täglichen Geschehen. Schon gar nicht bei den zur See Fahrenden. Sein Unverständnis kannte keine Grenzen. Er ahnt ja nicht, dachte Hauke bei sich, daß die Schriften eben jenes Ibn Fadlahn ein genaues Bild der Wikinger zeichneten und die Jahrhunderte überdauerten. Seine Reiseberichte gelten heute als grundlegende Kenntnisse der Kultur der Nordländer. Besonders die Schilderung einer seltsamen Bestattungszeremonie. Ibn Fadlahn schrieb, er seie selber dabei gewesen, als man einem ihrer Anführer die letzte Ehre erwies. Man hatte ein Schiff an Land gezogen und den Leichnam darauf aufgebahrt. Eine Sklavin wurde ausgewählt und mußte mit allen Freunden des Anführers den Beischlaf verüben, bevor sie auf der Leiche ihres Herrn getötet wurde. Schließlich entzündete man die sterblichen Überreste und schob das brennende Boot auf das Meer hinaus.

Zwei dunkelhaarige Frauen mittleren Alters boten in Weidenkörben Töpfer- und Keramikwaren an. Man sah den Händlerinnen an, daß sie nicht aus dem Norden kamen. Ihr Typ war eher griechisch. Dunkelbraune Locken, kunstvoll am Hinterkopf zusammengesteckt und unter dem Wollumhang sah man dünne Kleider aus weißem Leinen, was im Norden unüblich war. In großen Amphoren priesen sie ihren Wein. Hauke nahm einen Becher voll und probierte. Ein kräftig herber Rotwein. Beim Stand gegenüber erwarb er ein ofenfrisches Brot. Der Bäcker hatte sich hier einen Lehmofen gebaut und verkaufte seine Teigwaren frisch zubereitet. Man konnte ihm beim Kneten und Formen des Mehlgemisches zusehen.

Vom Hafen her erklangen die Hörner. Zwei Wikingerboote liefen ein. Von den felsigen Anhöhen des Marktes, ließ sich das atemberaubendes Schaupiel hervorragend beobachten. Hauke stellte sich nahe an eine Klippe um freie Sicht zu haben. Hinter ihm drängten sich weitere Schaulustige. Das erste Langschiff hatte die Kielfigur einer langen Schlange. „Olaf Tryggvasson, Enkel von Harald Schönhaar!“ rief jemand. Die Schilde und das Segel waren aus naturfarbenem Leinen und mit grünen Schlangenlinien verziert, so daß man wirklich den Eindruck gewann, eine große Meeresschlange legte sich da im Hafen nieder. Doch weitaus imposanter segelte das zweite Schiff herein. Ein Drachenkopf zierte die Kielspitze. Das weiß-rote Segel stellte seine Flügel dar und die Ruderschläge ließen den Eindruck entstehen, daß er über das Wasser laufe. Trotz aller Bewunderung, das Schiff der Königin Åsa war imposanter gewesen!

„Hej Fremder, Du trägst keine Waffe! Sieh Dir meine hervorragenden Arbeiten an!“ Ein hühnenhafter Mann mit schütterem blonden Haar sah ihn und hielt ihm ein blank poliertes Schwert hin. „Das Erz wird weiter im Norden abgebaut und zu Eisen gebrannt. Birka ist einer der Verkaufsorte. Von dort aus wird es nach Heddeby in Dänemark verschifft, von da aus erreicht es die ganze Welt.“ Der Hühne zeigte ihm eine Streitaxt. Hauke strich mit den Fingern über die eingravierte Verzierung. Linien, die sich ineinander und umeinander rankten und miteinander verwoben. Klingenklirren erreichte sein Ohr. In einem Schaukampf auf der eingezäunten Wiese traten Harald Schönhaar, König von Norwegen, gegen den Seeräuber Thorgils an. Die Söhne des Königs, Erik Blutaxt, Hakon der Gute und die anderen Brüder tranken schon auf des Vaters Sieg. Merkwürdig. Erik Blutaxt hatte sie alle auf dem Weg zur Macht getötet. Aber auch Thorgils war vom irischen König im Loch Owel ertränkt worden. Jetzt schwang er gekonnt sein Schwert gegen Harald Schönhaar. Während dessen Söhne in heiterer Einigkeit ein Horn Met nach dem anderen leerten. Der Schauplatz füllte sich immer mehr mit Menschen, die nach vorne drängten. Hauke verließ das Gedränge.

Erik der Rote trat neben ihn.“Es ist an der Zeit heim zu fahren!“ Hauke sah ihn fragend an. „Wir bringen Dich nach Hause. Aber vorher will Dich noch jemand sehen!“ Hauke folgte dem Entdecker Grönlands zu einem Langhaus. Es war dunkel und verraucht. In der Mitte glimmte ein Feuer. Die Bänke waren mit Fellen ausgelegt, aber niemand saß darauf. Am Ende stand ein Tisch. Dahinter saß ein Mann mit langem weißen Bart. Mehr konnte man im Licht des Windauges nicht erkennen. Da war noch eine weitere Person. Hauke vernahm das Krächtzen eines Raben und ein anderer antwortete. Die Raben saßen dem Mann auf den Schultern. Hugin und Munin, durchfuhr es Hauke. Viel hatte er von dem einäugigen Weisen gelesen, nun stand er ihm gegenüber. Staunend wagte er nicht näher zu treten. „Setzt Dich Ran! Und falte Dein Netz!“ befahl er dem anderen Wesen im Raum. Zögerlich gehorchte das flinke Wesen, eine Frauengestalt. Sie faltete sorgsam das Netz im Lichtstrahl, der von oben durch das Windauge kam. Odin nahm es vom Tisch und legte es seinem Wolf zur linken Seite vor die Tatzen und befahl ihm darauf aufzupassen. Sehr zum Unwohlsein des schlanken Körpers, der sich nun wieder im Schatten verbarg. Ran. Hauke erschrak, als er sich an den Namen Ran erinnerte. Ran, die Räuberin. Sie wartet, wenn die Schiffe sinken und zieht mit ihrem Netz die Schiffbrüchigen in ihr düsteres Reich. War er schon tot? Als habe der Weise seine Gedanken erkannt, sagte er „Dir wird nichts geschehen. Erik der Glückliche, wird dich nach Hause bringen. Bis dahin werde ich Ran's Netz hüten.“ Der Alte stand auf und beide Gestalten verschwanden gänzlich im Dunkeln des Hauses. Es war, als wenn eine Türe knarrte. Hauke stand wie angewurzelt da. Kein Rabenschrei, keine Wolfstatzen kratzten auf den Holzbohlen. Nur Stille. Erleichtert hörte er die ihm vertraute Stimme von Erik. „Komm.“

Sie gingen zum Hafen und bestiegen das Schiff. Die Mannschaft war schon an Bord, gut gesättigt und mit allerlei Andenken ausgestattet, gut gelaunt und zu allen Abenteuern bereit. Unter dem Gesang von Skalden und Hornbläsern verließ das Langschiff den Hafen und fuhr auf das offene Meer hinaus.

Am Morgen des zweiten Tages zwischen Hoffen und Bangen, fanden die Bewohner des kleinen Dorfes das alte Ruderboot gut vertäut am Steg. Längst hatten sie befürchtet, die Wellen würden eines Tages den Leichnahm des Fischers anspülen. Doch Hauke Hinnerksson lag schlafend und unversehrt auf dem Boden seines Bootes.

 

 
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