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Die Stadtverwaltung der Colonia Ulpia Traiana beschloß, den Tempel der Matronen auszubauen. Man betraute die oberste Priesterin Alea mit der Aufgabe, zusammen mit dem angereisten Ingeneur, die Tempelerweiterung zu planen. Der bekannte Ingenieur Caligula Caetronius mietete mit seiner schönen Frau Flaminia ein Apartment in der nobelen Herberge nahe dem Forum. Der Bauhandwerkertrupp nächtigte in den Mehrbettzimmern der Herberge. Die Baustelle war nicht weit entfernt. Die Priesterin Alea verstand den Prunk der Römer nicht. Germanen waren es gewohnt in der Natur zu ihren Göttern zu beten. Sie selber hatte von den alten Priesterinnen noch gelernt, den Matronen Opfer auf steinerne Altäre in Waldlichtungen zu bringen. Dieser kleine Tempel der Matronen war schon Schmuck genug, man brauchte ihn nicht vergrößern. Aber wenn der Stadtverwalter dies anordnete, so sollte es geschehen. Nach der morgentlichen Zeremonie kamen der Ingenieur und seine Frau mit den Bauhandwerkern zur Besichtigung. Alea führte sie umher und erzählte von der germanisch geprägten Götterwelt, die hier verehrt wurde. Matronen waren Muttergötter, Göttinnen der Fruchtbarkeit, Flußgöttinnen, manchmal auch Kriegsgöttinnen. Jeder Stamm, jede Sippe der Germanen betete mehrere verschiedene Matronen an. Hier in der CUT wurde unter anderem die freundlche Schwester verehrt, die über die Kinder der Familie wachte. Oder die Stammesgöttin der Sigambrer, dem Germanenstamm, der hier siedelte, bevor die Römer kamen. Bauern opferten der Matronin Renahenae, der Göttin des fließenden Wassers, welches die Römer Rhinus nannten. Das römische Ehepaar hörte interesiert zu. Caligula Caetronius war ein integerer Mann, der viel erreicht hatte ohne anmaßend geworden zu sein. Er war durch und durch fair und ehrlich geblieben, im Gegensatz zu anderen erfolgreichen Bürgern des Römischen Reiches. Somit herrschte ein angenehmes Klima auf der Baustelle. Seine Frau Flaminia hatte ihren eigenen Kopf, besonders was ihre Sklavinnen, Mode, Frisur und Schminke betraf, aber sie hatte auch den Anstand, der einer Frau ihres Standes gebührte. Munatius Quintillus, einer der Bauhandwerker liebäugelte mit Alea. Er schwärmte ihr vom herrlichsten Mamor vor, der aus Roma und fernen Provinzen geliefert wurde. Die germanische Priesterin beeindruckte das wenig. Doch eines Tages sprach er vom Bau eines Mousoleums in der Provinz Ägypten. Alea hörte ihm fasziniert zu. Der Totenkult des fernen Landes hatte sie schon immer interessiert, doch man erfuhr in der Colonia Ulpia Traiana nur spärlich etwas darüber. Gerne ließ sie sich mehr erzählen. Munatius überredete sie zu einem nächtlichen Treffen außerhalb der Stadt. Am nächsten Tag jedoch wollte er nichts mehr von der jungen Priesterin wissen und ging ihr sichtlich aus dem Wege. Er erkundigte sich gar bei Caligula ob Alea am nächsten Tage auf der Baustelle sein würde und ließ sich dann beurlauben. Der Ingeneur ließ dies auch nur durchgehen, weil er und Munatius sich seit langen Jahren kannten. Alea war in ihrer Tätigkeit als Beraterin des Bauvorhabens oft zu Gast bei den Caetronius. Dabei wurde sie schnell warm mit Flaminia. In einem vertraulichen Gespräch warnte diese sie eines Abends: „Traue nie einem Bauhandwerker!” Julius Plancus zeigte großes Interesse an den Germanen und Alea. Er ließ sich von ihr viele der fremden Rituale erklären, die den römischen so ganz unähnlich gegenüberstanden. Eines hatten sie jedoch gemeinsam; durch Opfergaben mußten die Götter zufrieden gestellt werden. Die Priesterin bot ihm an, ihn zu einem heiligen Ort mitzunehmen und ihn einer Opferzeremonie beizuwohnen. Julius willigte ein. Wenige Tage später packten die zwei ihre Bündel und machten sich auf den Weg zu einer Lichtung im Eichenwald. Alea brachte der hier verehrten Matronin einen Korb mit Früchten dar, ebenso wie Fisch als Tieropfer. Die Priesterin bat die Muttergöttin um gute Nahrungsmittel. Nachdem sie Weihrauch entzündet und mit tranceartigem Gesang rings um den Altar geschwenkt hatte, aßen beide ein üppiges Mahl in der Nähe der Opfstätte. Alea und der Bauhandwerker Julius nächtigten voller Frohsinn an jenem Ort. Doch nach ihrer Wanderung ging auch Julius der Priesterin aus dem Wege und kehrte noch während der Bauarbeiten am Tempel zurück nach Colnia Claudia Ara Agrippinensum, wo, wie sie später hörte, sein uneheliches Kind und dessen Mutter lebten. In den Thermen unterhielten sich Tage später die mittlerweile befreundeten Frauen Flaminia Caetronius und die Priesterin Alea. Die Frau des Ingeneurs wies die ihr gegenüber im warmen Wasser sitzende junge und anscheinend in Sachen Männer unerfahrende Priesterin darauf hin, daß sie sie vor den Bauhandwerkern gewarnt hatte. Sie scholt sie naiv und warf ihr vor, sie seie ja einem Freudenmädchen gleich. Alea störte sich wenig daran. Die Römer sahen das halt immer schon anders als die Germanen. Bei ihrem Stamm gab es keine Regeln, die unverheirateten Männern oder Frauen verboten wechselnd das Lager mit jemandem zu teilen. In einer Ehe wurde aber auf Treue großen wert gelegt. Ehebruch wurde mit Entehrung oder gar Verbannung geahndet. So geschah es, daß Flaminia kühl, ja gar wütend, reagierte, als Alea mit Marcus Dormius anbandelte, der den Kran an der Tempelbaustelle bediente. Marcus erklärte ihr viel von seiner Arbeit. Der Baukran funktionierte nur, wenn am Göpel, dem Drehkreuz, vier Männer im Kreise gehend das Zugseil auf die Spule wickelten. Das Seil verlief über das Wellrad, welches zur Kraftübersetzung diente. Daran wiederum war der Flaschenzug befestigt, an dem die zu bewegende Last hing. Durch die geschickte Konstruktion war es möglich, daß die jeder der vier Männer nur mit 15 kg seines Körpergewichtes am Göpel drücken mußte, um eine Last von 15.000 kg zu heben. Nach der Fertigstellung des umgebauten Tempels blieb Marcus Dorminius und bezog mit Alea eine kleine Wohnung in einem Häuserblock nahe des Tempels der Matronen in der Colonia Ulpia Traiana. Flaminia sollte sich diesmal getäuscht haben, denn Marcus Dormius und die Priesterin Alea lebten glücklich zusammen bis an das Ende ihrer Tage.
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