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Der Raum war schmucklos. Kleine Öllampen spendeten etwas Licht im Dunkeln der Schänke. An einem klobigen Holztisch saßen Soldaten und aßen ihre Brotkanten mit Moretum, eine Käsezubereitung, ähnlich gewürztem Quark. Dazu tranken sie Mulsum mit Wasser verdünnt – den überall im Römischen Reich zu findenden Würzwein. Auf den einfachen Holzhockern am Nebentisch spielten Reiter ein Brettspiel und gröhlten ausgelassen bei jedem Zug. An der aus Steinen und Mörtel gemauerten Theke drängten sich Legionäre in ihren kurzen Tuniken, prosteten sich Centurio und Hornbläser mit den tönernen Weinbechern zu. Hinter der Theke stand der Schankwirt Marcellus Pintaius. Er hatte erst vor kurzem seine Schänke im Militärlager Castra Vetera eröffnet, direkt an der Grenze zum barbarischen Germanien. Jeden Tag war der Schankraum mit durstigen Soldaten gefüllt. Alle kamen zu Marcellus und die Asse klangen in seinem Beutel. Doch es lag wohl weniger an ihm, dem Weinhändler aus Cinzano, als an Menena, seiner Freundin. Menena war aus der ägyptischen Provinz geraubt worden und als Sklavin an einen wohlhabenden Senator in Rom verkauft worden. Dieser war ein kleiner dicker Mann gewesen, der ständig nach Essen verlangte. Er ließ sich Abend für Abend von Meneas erotischen Tänzen unterhalten, war aber glücklicherweise von der leiblichen Lust nicht sehr angetan. Der Dame des Hauses und ihren Freundinnen gab die ägyptische Sklavin sogar Tanzunterricht, doch den römischen Frauen war der orientalische Hüftschwung nicht in die Wiege gelegt worden. Das war aber auch nicht tragisch, da die Damen der feinen Gesellschaft niemals in der Öffentlichkeit aufgetreten wären. Musizieren und Tanzen galten als verrucht und hätte dem Ansehen der Frauen sehr geschadet. Aber was sich in römischen Schlafgemächern abspielte, das war ja nicht bekannt – so vermutete Menena jedenfalls. Warum sollten sonst so viele feine Damen Musik-, Tanz- und Schauspielunterricht nehmen? Oder es war eben eine modische Freizeitbeschäftigung. Der Senator hatte testamentarisch verfügt, Menena seie nach seinem Tode freizulassen – und so geschah es. Sie war somit keine Sklavin mehr, sondern eine Freigelassene, die über sich selber bestimmen konnte. Aus der Hintertüre trat eine zierliche Frau mit schwarzem lockigem Haar, das bis hinunter zu ihrem Bauchnabel reichte, den ein goldenes Schmuckstück zierte. Hauchzarter Stoff enthüllte mehr von der dunklen Haut als er verhüllte. Das strahlend weiße Gewand war bewußt gewählt, denn bei diesem Anblick dachten Männer oft an Vestalinnen, dem Inbegriff der Jungfräulichkeit. Vestalinen, die Dienerinnen der Göttin Vesta trugen die weiße Tracht der römischen Braut und waren sacrosantitas – unantastbar für jeden Mann. Die hoch angesehenen Priesterinnen waren zur Jungfräulichkeit verpflichtet, brachen sie mit dem Gelübte, so wurden sie lebendig begraben. Mit ihren zarten Fingern schlug Menena leise beginnend einen schnellen Takt auf ihrem Tambourin. Die Gespräche der Soldaten verstummten. Barfuß, an den Fesseln mit Goldschmuck behängt, schien sie durch den Raum zu schweben. Sie drehte sich zum rasanten Rhythmus und dem Klang der Schellen am Tambourin. Ihre Haare flogen durch die stickige Luft der Schänke. Es roch nach Moschus, nach herbem Männerduft. Menena wirbelte zwischen Tischen und Stühlen umher. Sie tanzte mit leidenschaftlicher Hingabe, ihre Hüften wackelten schneller als Mann nach einigen Bechern Mulsum sehen konnte. Die Bewegungen waren denen einer Schlange gleich, anzüglich, faszinierend. Ihren Unterkörper ließ sie schnell kreisen, während ihr Oberkörper sich scheinbar nicht bewegte, nur ihre Finger trommelten geschwind den tranceartigen Takt. Die Brüste verhüllte nur eine winzige fremdartig Brustbinde, mit goldenen Plättchen besetzt. Taillie und Bauch waren fast bis zum Schamansatz unbedeckt. Die Blicke der Soldaten klebten wie süßer Honig an ihr. Menena schürte mit herausfordernden Blicken ihrer schwarz umrahmten Augen das Feuer, das in den Männern loderte. Bei ihren schnellen Drehungen entblößte die Ägypterin nicht nur die Knöchel, was bei den Römern schon als unschicklich galt, sondern ihr geschlitzter langer Rock gab nicht selten den Blick auf ihre Oberschenkel frei, wenn nicht gar bei einer obszönen Bewegung der Ansatz des Gesäßes zu sehen war. Marcellus war jedesmal aufs neue von Ihrer atemberaubenden Darbietung fasziniert. Ihr Körper war eine Waffe, mit der sie ganze Legionen betören konnte. Er dachte an ihre erste Begegnung, damals in Rom, auf den Stufen des Isistempels. Sie hatten sich kennen und lieben gelernt. Und darum beneidetet ihn gerade jeder Mann in diesem Raum. Heiraten durften sie nach römischem Recht nicht, denn Menena war Tänzerin und galt somit als Frau mit zweifelhaftem Ruf. Auch sein Ruf als Weinhändler war nicht sehr geschätzt. Der Berufsstand der Schankwirte wurde verachtet, man sagte ihnen sogar kriminelle Machenschaften nach, obwohl sie genauso ehrlich und hart arbeiteten, wie andere Berufsstände. Marcellus und Menena beschlossen Rom zu verlassen und in den nördlichen Provinzen eine neue Existenz aufzubauen. Sie schlossen sich einem Handwerkertross an, der nach Norden zog, um im neu errichteten Militärlager Castra Vetera ihr Brot zu verdienen. Irgendwann auf dieser beschwerlichen Reise wurde die Idee geboren eine Schänke zu eröffnen, in der Menena als Tänzerin auftrat und so die Männer lockte. Ihr Plan war aufgegangen. Und selbst die Freudenmädchen im Lager verdienten besser an den Männern, die aus Marcellus‘ Schänke kamen. Anrüchig fand das hier niemand. Legionäre durften während ihrer 20 jährigen Dienstzeit nicht heiraten und bei den oftmals wechselnden Einsatzorten wäre es auch schwer gewesen eine dauerhafte Beziehung zu führen. Nachdem Menena wieder hinter der Türe verschwunden war, aus der sie gekommen war, gröhlten ihr die Männer noch lange nach. Doch nach mehreren vulgären Trinksprüchen auf die Tänzerin und vielen Bechern weniger verdünntem Mulsum, wechselten die Soldaten das Thema. Kaiser Augustus wollte das Land jenseits des Rhinus ebenfalls dem Römischen Reich einverleiben. Deshalb wurden in den letzten Jahren mehrere Militärlager an der Rhinusgrenze gebaut. Sie waren befestigt, das heißt aus Holz gebaut und keine bloßen Zeltstätte. In den Lagern lebten auch Zivilisten, Schmiede, Werkzeugmacher, Wagenbauer, Müller und Bäcker, alle, die man zum täglichen Leben braucht. Man schreibt das Jahr 12 v.Chr., Feldherr Drusus wollte in diesen Tagen mit seinen Legionen ausziehen um die Germanen rechts des Rhinus bis hin zur Elbe zu unterwerfen. Der Aquilifer, der Träger des Legionsadlers, stieg betrunken auf einen Tisch und predigte mit voller Inbrunst der Überzeugung den Sieg Roms über die barbarischen Germanen. Ein Schmied verschaffte sich Gehör. „Ich schmiedete vor 7 Jahren Schwerter für die 5. Legion. Sie kehrten nicht wieder, aus den dichten Wäldern Germaniens!“ – „Dann waren deine Waffen nicht gut genug, Schmied! Wir werden siegen und unsere Legionsadler bis zur Nordküste tragen!“ – „Der Adler deiner Legion wird davonfliegen!“ sprach der Schmied rätselhaft. Doch der Aquilifer verstand. „Lieber sterbe ich, als daß ich den Legionsadler den Feinden überlassen! Eine solche Schmach werden wir alle hier in diesem Lager Rom nie bereiten!“ Lautes Zurufen und Beifall der Soldaten folgte. Menena hörte die Worte. Das Heer ignorierte anscheinend das Ereignis vor 7 Jahre, als ein Germanenstamm die 5. Legion mitsamt der Reiterei hinter der Grenze des Rhinus hinmetzelte. Warum sich damals die Legion da befand wußte die ehemalige Sklavin nicht, aber ihr früherer Herr hatte oft von den Germanen gesprochen. Sie waren wilde Tiere auf zwei Beinen, kriegslüstern und furchtlos. Unberechenbar. Menena fühlte, daß viele Legionäre ihr Leben lassen würden. Wenn nicht gar ihr Feldherr Drusus. In jenem Moment sah sie in der kleinen Kammer eine Maus, die mit etwas zwischen den Pfoten von einer Ecke zur anderen huschte. Mäusen wurden bei den Römern prophetische Eigenschaften zugeprochen, da sie in der Erde lebten und somit eine Verbindung zur Unterwelt hatten. Menena hätte die Soldaten gerne gewarnt, doch sie war da um die Männeraugen zu verwöhnen, nicht um mit ihnen über politische Themen zu diskutieren und ihnen den Tod zu prophezeien. So trat sie wieder in den Schankraum und tanzte nocheinmal in ihrer betörenden Weise, verfolgt von den gierigen Augen der Männer. Es war ein warmer Sommertag, 3 Jahre später. Die geschrumpfte Legion kehrte zurück ins Castra Vetera. Schnell verbreitete sich die Nachricht vom Schicksale des Feldherren Drusus. Er war auf dem Rückweg in vollem Galopp vom Pferde gestürzt und war seinen Verletzungen erlegen. Seine Beisetzung erfolgte in Mogunaicum, einem Miltärlager weiter südlich am Rhinus gelegen. Menena und Marcellus haben nie erfahren, was den römischen Legionen noch widerfahren sollte. Sie lebten gut vom Geld, daß ihnen die Schänke einbrachte, doch sie starben recht jung bei einem Brand im Lager wenige Jahre darauf.
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