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Die Sonne stand hoch am Horizont. Ein lauer Sommerwind wehte durch die Straßen. Im Schatten der Bürgersteige saß eine Gruppe Mädchen auf einem Leinentuch und spielten mit Würfeln. Unbeeindruckt von den dumpfen Holzschlägen, die von den Jungen auf der Straße herrührten. Antonius und sein Freund Caius droschen mit Holzschwertern auf ihre Schilde ein. Und sie schrien wie die echten Legionäre in der Schlacht.
Cornelius lehnte an einer Säule des Gehweges und sah seinen jüngeren Klassenkammeraden lächelnd zu. Er war 14 und somit nach römischem Recht heiratsfähig, doch er wollte Stadtrat werden und würde deshalb bald auf die höhere Schule gehen. Dort würde er lateinische Grammatik lernen, Griechisch und der Lehrer würde ihn in Geschichte unterweisen. Und er würde lernen, wie man vor anderen Menschen spricht. Für einen Politiker war es wichtig die Kunst der Rhetorik zu beherrschen. Sie hielten oft Reden auf öffentlichen Plätzen.
Octavia und ihre Freundinnen kicherten auf der Decke. Sie hatten sich aus Blumen Ketten gebastelt. Einfach mit dem Daumennagel den Stiel einer Blume durchtrennt und den Stengel einer anderen Blume bis zur Blüte durchgezogen. Sie spielten feine römische Damen. Die einzige, die so je leben würde, war Octavia. Sie erzählte den anderen Mädchen, daß ihr Singvogel ihr die Körner aus der Hand pickte und sie jeden Morgen mit seinem wunderschönen Gesang weckte, bevor ihre Amme ins Zimmer kam und ihr beim Ankleiden half. Die Amme hatte sich seit ihrer Geburt um sie gekümmert, sie als Kleinkind gebadet, gewickelt und mit Nahrung versorgt. Octavias Vater war mit seinem Tuchhandel zu Reichtum gelangt. Justine stammte aus ärmeren Verhältnissen. Ihre Eltern waren Bäcker. Sie und ihre Geschwister waren auf sich alleine gestellt. Sie standen von alleine auf und kleideten sich alleine an. Ein Haustier hatten sie auch nicht. Doch bei den Großeltern auf dem Land gab es einen Hund. „Wenn ich ihm sage, er soll stehen bleiben, tut er das. Sage ich ‚Leg Dich hin‘ gehorcht er. Und natürlich knabbert er vorsichtig am Knochen, den ich ihm in der Hand hinhalte.“
Die Amme erschien auf dem Bürgersteig und ermahnte Octavia ins Haus zu gehen. Der Musiklehrer werde gleich erscheinen. Octavia erhielt Unterricht im Spiel auf der Lyra, dem klangvollen Seiteninstrument. Ihre Mutter meinte, es seie gut ein bißchen Musik spielen zu können, das sei bei Jungen der feineren Gesellschaft sehr belieb. Mit ihren 13 Jahren waren ihre Eltern bereits auf der Suche nach einem geeigneten Ehemann für sie.
Wenig später drangen die Klänge einer Lyra durch das zum Garten geöffnete Fenster auf die Straße hinaus. Caius und Antonius hatten ihre Schwerter und Schilde beiseite gelegt und widmeten sich dem Wagenrennen. Der 7jährige Caius war sehr stolz daruf, seinen ägyptischen Streitwagen selber geschnitzt zu haben ohne die Hilfe seines Vaters. Dieser war Schreiner.
Etwas abseits saß die kleine Olivia auf einem Tritstein in der Straße, wo man die bei Regen gefluteten Straßen trotzdem trockenen Fußes überqueren konnte. Sie hielt ihre Stoffpuppe wie ein Baby im Arm und fütterte es mit einer hölzernen Lingua. Die Puppe hatte ihre Mutter genäht, aus grobem Leinen mit zwei einfachen Holzperlen als Augen. Der Mund war mit rotem Faden aufgestickt. Und die schwarzen Wollfäden waren zu zwei Zöpfen geflochten. Olivia war das einzige Mädchen mit einer solchen Puppe, ihre Eltern betrieben eine Schneiderei. Obwohl die Hauptaufgabe der römischen Frau darin bestand, die Kinder zu erziehen, zu unterrichten und die Familie zu versorgen, arbeitete ihre Mutter mit im Geschäft. Für die Römer germanischer Abstammung war das ganz selbstverständlich, so waren früher die germanischen Frauen Gefährten ihrer Männer und ihnen nicht so sehr untergeordnet, wie die römischen Frauen es waren.
Caius betrachtete die blauen Verfärbungen an seinen Händen. Sie stammten von Stockschlägen seines strengen Lehrers. Er war ein griechischer gebildeter Sklave, der keinen Ungehorsam duldete. Und auch schlechte Leistungen kommentierte er mit Schlägen. Caius war der jüngste und neu in der Schule. Seine Eltern zahlten ein teures Schulgeld für den Griechen an die Stadt. Dennoch hatte Caius manchmal Mühe sich auf die vielen Papyrusrollen zu konzentrieren. Sein Freund Antonius war schon 8 Jahre alt und konnte bereits etwas Lesen, Schreiben und Rechnen. Caius sah zu der 3jährigen Olivia hin. Ihr würde das Schlagen mit dem Stock erspart bleiben. Mädchen gingen nicht zur Schule. Sie wurden von den Müttern unterrichtet. Und ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet.
Plötzlich schrie Cornelius etwas, rannte auf die Straße, doch es war zu spät. Ein durchgegangener Ochse hatte in vollem Gallop die kleine Olivia umgerissen. Den Göttern sei dank hatte er nicht den ganzen Wagen mitgeschliffen! Das kleine Mädchen weinte, Cornelius eilte zu ihr, tröstete sie, nahm sie in den Arm und sah daß ihre Knie blutig waren. Er nahm die kleine auf den Arm und schickte eines der Mädchen vom Würfelspielen zu den Eltern. Er wolle mit Olivia zum Medicus, zu Sejanus Nonius. „Meine Puppe! Wo ist meine Puppe?“ schrie Olivia weinend. Cornelius trug sie schnellen Schrittes zu Praxis des Arztes.
Justine eilte zu den Eltern von Olivia. Die Mutter ließ sofort Nadel und Stoff fallen und eilte zu Sejanus Nonius. Auf der Straße setzte sich Antonius schweigend in den Schatten des Bürgersteigs und begann aus dem zerbrochenen Schwert ein Pferdchen zu schnitzen. Caius bewegte weniger sein gebrochenes Schild, über welches der Ochse getrampelt war, sondern das verzweifelte Klagen in Olivias Stimme als sie nach ihrer Puppe rief. Er mochte das kleine Mädchen und machte sich auf die Suche. Vielleicht hatte der Ochse ihr ja Spielzeug mitgeschleift. Auf der anderen Seite der Straße lag nur noch die Holzschale, aus der Olivia ihre Puppe gefüttert hatte.
Justine und die anderen Mädchen hatten nach dem Unfall die Decke gefaltet und einen alten Krug in einiger Entfernung hingelegt. Mit kleinen Holzstückchen versuchten sie in den schmalen Hals des Gefäßes zu treffen.
Caius suchte die ganze Straße ab und fand schließlich die Puppe im Schmutz der Straße. Von der Lingua fehlte jede Spur.
Cornelius kehrte einige Zeit später mit Mutter und Tochter vom Medicus zurück. Caius ging auf Olivia zu und reichte ihr die Puppe. Das Gesicht des Mädchens erhellte ein freudestrahlendes Lachen. Sie drückte die schmutzige Puppe ganz fest an sich. Caius erklärte ihr, daß er den Löffel nicht finden konnte und versprach ihr eine neue Lingua für sie zu schnitzen.
Cornelius zog sein Holztäfelchen hervor und verkündete dem nun auch auf den Gehweg getretenen Vater von Olivia die Anweisungen des Arztes. Mit seinem Griffel aus Messing hatte er den Namen der Paste in das Wachs geritzt; Hametum. „Morgens und Abends sollen Umschläge mit dieser heilenden Paste der Hamamelis gemacht werden.“ Olivias Vater bedankte sich wiederholt und von ganzem Herzen bei Cornelius und fügte hinzu er wäre mit Sicherheit ein guter Stadtrat.
9 Jahre später gab es in der selben Straße ein Fest. Die Türe war mit Blättergirlanden geschmückt und ein festlicher Zug mit einer bildhübschen Braut namens Olivia zog zum Haus des Bräutigams, dem Möbelschreiner Caius. Unter den Gästen war auch ein Mitglied des Stadtrates; Cornelius. |