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Freudenmädchen Valentina Drucken E-Mail
Geschrieben von Evelyn Maurer   
Mittwoch, 20. September 2006

 


Foto: Marco Matznohr (www.wolfsruf.de )

Claudia trat in den kleinen Raum, den ein Vorhang vom Gang trennte und setzte sich zu ihrer Kollegin auf das breite Bett. "Ich bin in anderen Umständen, und nicht allen meiner Freier ist dies angenehm. Ich werde dich Tiberius Quintillianus empfehlen." sagte sie und verließ kurze Zeit später ohne weitere Worte das Zimmer. Valentina sah Claudia mit mitleidigem Blick nach. Dann dachte sie über das nach, weshalb sie zu ihr gekommen war. Sie kannte Tiberius Quintilianus nicht, aber Reisende, die in der Herberge Rast machten, erzählten von ihm stehts als ruhigem und geselligem Mann. Viele, die in seinem Alter waren, hatten schon eine Frau an ihrer Seite oder fühlten sich dem gleichen Geschlecht zugetan. Bei dem Verwalter der Herberge traf wohl beides nicht zu. Valentina schloß mit dem Gedanken in nächster Zeit einen Mann mehr zufrieden zu stellen. Sie kleidete sich in ihr sittliches Gewand und machte sich auf den Heimweg in ihr kleines Zimmer bei der Bäckersfamilie, bei denen sie zur Untermiete wohnte.

Beim gemeinsamen Abendmahl erzählte der Hausherr von seinem Besuch in den Thermen. "Ich unterhielt mich ausführlich mit einem Geschäftsmann namens Cocceius Ventus aus Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Er beliefert sogar Senatoren in Rom mit Leinen und edlen Stoffen! Wie er von Roma erzählte, hörten wir, wie Tiberius Quintilianus einen jungen Soldaten aus Castra Vetera ll ansprach und ihn fragte, ob er an Sex mit ihm Interesse hätte. Der hochgewachsene Legionär spuckte vor Schreck sein eben getrunkenes Wasser aus." Die Herrin des Hauses meinte, daß der Verwalter der Herberge also doch dem männlichen Geschlecht zugetan sei. "Wenn er das wirklich ist, warum nimmt er regelmäßig die Dienste eines Freudenmädchens in Ansprch?" fragte Valentina. Darauf wußte keiner eine Antwort. Der Bäckersmann spekulierte, das der Herbergsvater gerne ausprobiere, da er in der Vergangenheit schon mehrere kurze Laisonen mit verschiedenen Mädchen hatte.

Einige Abende später betrat Tiberius Quintilianus das kleine Zimmer am Ende des Ganges im Freudenhaus. Valentina trug ein durchschimmerndes Tuch, daß auf ihrer linken Schulter von einer bronzenen Gewandspange gehalten wurde. Sie entzündete Honigkerzen und ließ sich dann neben ihm auf dem Bett nieder. Der Mann war klein und ein wenig untersetzt, das verriet die kurze Tunika, die er trug. Tiberius sagte nichts, aber seine Blicke hingen an ihrem Körper. Sie öffnete ihre hochgesteckten Haare und legte ihren Kopf an seine Schulter. "Welchen Wunsch darf ich dir erfüllen?" - "Ich möchte dich kennenlernen." sagte er nur und legte einen kleinen Beutel mit Münzen auf den winzigen Tisch, auf dem die Kerzen standen. Dann gab er sich seiner Lust hin.

Valentina steckte sich die Haare wieder hoch und richtete ihr Straßengewand. Sie zählte die Münzen in dem kleinen Beutel und war überaus zufrieden. Aurelia trat zu ihr herein. "Sei gegrüßt! Ich wollte sehen, wie es dir geht." - "Danke, sehr gut." Valentina sah in Aurelias Augen, was sie wirklich wissen wollte. "Er ist kein Adonis und hat einen Bauch, aber ich kann nicht sagen, daß er häßlich ist. Er hat eine besondere Art. Und er zahlt sehr gut." - "Na damit bin ich beruhigt. Ich dachte schon, es wäre einer der nymphomanischen Römer Germaniens." Die beiden Frauen verabschiedeten sich. Valentina schlüpfte in ihre Sandalen und bließ die Kerzen aus. Im Schein des blassen Mondes ging sie nach Hause. Sie bedachte, was sie Aurelia gesagt hatte und gestand sich, daß es die Wahrheit war. Auch Tiberius schien Gefallen an ihr gefunden zu haben. "Morgen um die gleiche Zeit" hatte er gesagt - und zum gleichen Preis dachte sie.

Valentina betrat die Thermen. Einige Wochen waren vergangen und irgendwann hatte sie es zugelassen, daß er sie, gegen ein paar Münzen mehr, küssen durfte. Tiberius genügte es nicht mehr, sie nur im Bordell zu sehen, so trafen sie sich öfters in den Thermen, denn Baden war eine Leidenschaft, die sie beide teilten. Valentina gab dem Mann an der Türe eine Dupondius Messingmünze und erhielt eine As Kupfermünze zurück. Sie ärgerte sich mal wieder, daß Frauen den doppelten Preis zahlen mußten. Männer hatten es in der Gesellschaft allgemein leichter, aber trotz allen Nachteilen, war sie gerne eine Frau. Nur das weibliche Geschlecht vereinte Anmut und Sanftheit in so treffendem Maße. Und außerdem zahlte ja Tiberius ihren Eintritt mit. Valentina entkleidete sich und begab sich durch das Tepidarium, dem Warmbad, ins Caldarium. Das heiße Wasser tat gut und wärmte ihre Seele. Sie schwamm zu Tiberius, der sich in einer Ecke des Beckens aufhielt. Sie tauschten einen zärtlichen Kuß zur Begrüßung. Im weiteren Verlauf des Abends nutzten sie die Gelegenheit, wenn niemand im Raum war, denn zu so später Stunde vergnügten sich die meisten Bürger der Colonia Ulpia Traiana anderwertig, etwa zuhause bei der Familie. Die in den Thermen bediensteten Sklaven konnte man leicht bestechen. Tiberius genoß es, sich von Valentina mit duftendem Öl salben und massieren zu lassen und andere erotische Spiele mit ihr zu treiben.

Eines Tages verbot Kaiser Marcus Ulpius Traianus im fernen Roma wieder einmal ausdrücklich die gleichzeitige Benutzung der Thermen von männlichem und weiblichem Geschlecht. So kam es, daß sie sich seltener sahen. Doch Tiberius Quintilianus lud Valentina zu ausgedehnten Spaziergängen ein und wenn ein Fremder die beiden zusammen sah, hielt er sie stehts für ein Paar. Schließlich ließ der Mann, den seine Eltern liebevoll als Wonneproppen bezeichnet hatten, das Badehaus der Herberge nach den üblichen Öffnungszeiten weiter heizen und empfing hier seine Vergnügungsdame. So vergingen die Monate. Tiberius Quintilianus stand vor dem kleinen Heiligtum des Hauses. In der Nische in Gestalt eines Tempels stand die Statuette des jugendlichen Gottes, einem Laren, der eine Art Teller in der linken Hand hielt und ein Füllhorn mit der rechten empor hob. Tiberius legte die Opfengaben nieder. Täglich opferte er dem Schutzgott, um Gesundheit und Wohlergehen der Herbergsgäste zu sichern. Doch heute gab es noch einen besonderen Grund. Der reiche Domitius Germanicus hatte sich mit seiner Tochter Lucinda angekündigt. Er war ein Freund seines Vaters, der in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium lebte. Tiberius hatte sich des öfteren schon Gedanken um eine feste Frau in seinem Leben gemacht, auch wenn ihm sein momentanes Leben bestens gefiel. Eine Ehe mit Lucinda aber erschien ihm ideal; sie war reich, hübsch und wohl erzogen. Tiberius schickte einen seiner Sklaven dem Freudenmädchen auszurichten, daß er am heutigen Tage nicht kommen würde.

Nur zwei Tage später bat der Herbergsvater die Tochter des Domitius seine Frau zu werden. Lucinda hatte sich alle Mühe gegeben, ihm zu gefallen. Sie hatte immer bezweifelt, daß sie einen Mann mehr lieben könne, wie ihren Vater, aber ihr zukünftiger Gatte war außerordentlich liebenswürdig und sie würde ihm eine gut Frau sein.

Als Valentina von der zukünftigen Verbindung erfuhr, freute sie sich wirklich, daß Tiberius endlich eine Frau gefunden hatte, die ihn liebte. Valentina wußte von sich aus, daß sie und Tiberius nicht zusammenpaßten, ob Lucinda Germanicus jedoch besser zu ihm paßte, war eine andere Frage. Nach ihrer Meinung war Lucinda Germanicus zu naiv für einen weltgewadten Mann wie ihn. Und für einen Moment verspürte sie sogar eine Spur von Eifersucht. In den folgenden Wochen stand Valentina im Laden der Bäckerei und verkaufte die Ware an Stelle der kranken Hausherrin. Sie glaubte, sie komme mit der Heirat des Tiberius klar, doch je öfter sie die beiden zusammen sah, im Hafentempel, im Garten der Herberge oder auch im Amphitheater, desto klarer wurde ihr, daß sie für Tiberius mehr empfand als für jeden anderen Freier. Sie hatte eigentlich keinen Grund dafür, sie war begehrt und zu ihren Freiern zählten gutaussehende Legionäre und angesehene Geschäftsleute wie Cocceius Ventus, wenn er wieder in der CUT verweilte. Und doch fühlte sie sich vernachlässigt.

Ein paar Wochen später hatte sich die Bäckersfrau wieder erholt. Valentina hielt nun nichts mehr hier, an diesem Ort. Nachdem am Samstag Abend der letzte Freier das Freudenhaus verlassen hatte, packte sie heimlich ihre wenigen Sachen zusammen und verließ die Stadt. Manche Bürger der Colonia Ulpia Traiana munkelten, sie seie nahe der Siedlung in den Rhein gegangen. Ein Schiffer behauptete später, sie sei unter den Passagieren seines Schiffes Rhein abwärts gewesen.

Überliefert wurde nur, daß man von dem Freudenmädchen Valentina in der Colonia Ulpia Traiana nie mehr hörte. Wohin sie wirklich ging, das wissen nur die Götter.

 
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